Akademisches Monstrum

Betrifft:  Österreichischer Lehrplan - nun auch nach diesem Programm modernisiert

Zitat aus dem Schweizer Wochenmagazin Weltwoche vom 29. Mai 2014

Akademisches Monstrum

Mit dem Lehrplan 21 wollen die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren die Schulbildung ­vereinheitlichen. Er umfasst 550 Seiten und 4753 eingeforderte «Kompetenzen». Die Lehrerbasis wehrt sich gegen das «monumentale Regelwerk».
Von Peter Keller

Mühsam. Nur schon an den Lehrplan 21 (LP 21) zu kommen, ist ein aufreibendes Unterfangen. In gedruckter Form rückt die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) das Papier gar nicht erst heraus. Einfach herunterladen kann man den LP 21 auch nicht. Wer die einzelnen Teile schliesslich zusammengesucht hat, ausdruckt und ordnet, bekommt ein 550-seitiges Monstrum ohne brauchbares ­Inhalts- und Stichwortverzeichnis, das nun auf die Schweizer Schulen, Lehrer und Kinder losgelassen werden soll.

Dass sich die Deutschschweizer Kantone auf gemeinsame, verbindliche Lernziele einigen, wäre an sich ein sinnvolles Projekt. Nur verweigert der Lehrplan 21 ebendiese Kernauf­gabe. Die Macher gehen sogar ausdrücklich auf Distanz, wie der Einleitung zu entnehmen ist: «Beschrieben Lehrpläne bis anhin, welche ­Inhalte Lehrpersonen unterrichten sollen, ­beschreibt der Lehrplan 21, was Schülerinnen und Schüler am Ende von Unterrichtszyklen können sollen. An die Stelle von Lernzielen und stoffinhaltlichen Vorgaben treten fachliche, personale, soziale und methodische Kompetenzen.»

«Kompetenzen» heisst also die neueste ­Mode unter Bildungsakademikern. Was auf den ersten Blick grossartig klingt (wer kann ­etwas gegen die Vermittlung von Kompetenzen haben?), erweist sich bei näherer Betrachtung als praxisuntaugliches Instrument. Statt klar definierte Lerninhalte werden zahllose, diffus formulierte «Kompetenzen» eingefordert. Drei Beispiele: «Die Schülerinnen und Schüler [. . .] können Formen und Verfahren konstruktiver Konfliktbearbeitung anwenden» (überfachliche Kompetenzen). «Die Schülerinnen und Schüler [. . .] können Konsum­entscheidungen mittels einer einfachen Nutzwertanalyse begründen» (Kompetenzen NMG – Natur, Mensch, Gesellschaft). «Die Schülerinnen und Schüler [. . .] können verschiedene Varietäten der Fremdsprache wahrnehmen» (Kompetenzen Sprachen).

Laut Walter Herzog, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bern, beläuft sich die Zahl der angeführten Kompetenzen insgesamt auf 4753. Eine groteske Zahl und letztlich ein Auftrag an die Schulen und Lehrpersonen, der sich weder umsetzen noch überprüfen lässt. Selbst der sonst EDK-freundliche Lehrerverband hält den vorliegenden LP 21 für «zu umfassend» und «zu anspruchsvoll». Konkreter wird die Kritik aus der Lehrerbasis: Die Initianten des Memorandums «550 gegen 550» mit mehreren hundert Mitunterzeichnern sprechen von einem «monumentalen Regelwerk», das den Lehrpersonen keinen Freiraum mehr lasse.

Im Memorandum äussern verschiedene Betroffene ihren Unmut, wie etwa Caroline Rey, Lehrerin Sek B in der Stadt Zürich: «Ich möchte im Lehrplan erfahren, welche Bildungsinhalte wesentlich und verbindlich sind. Wenn ich aber ein randvolles Bildungsprogramm in Form von Hunderten von Kompetenzzielen erfüllen soll, wird eine sinnvolle inhaltliche Planung des Unterrichts auch im Hinblick auf die anschliessende Berufsschule unmöglich.»

«Entmündigung der Lehrpersonen»

Gerade in den unteren Klassen lebt der Unterrichtserfolg von klaren Strukturen, die auch den Kindern zugutekommen. Der Lehrplan pulverisiert dagegen die Jahrgangsklassen durch «Lernzyklen» (1. Zyklus 4. bis 8. Lebensjahr; 2. Zyklus 3. bis 6. Klasse, 3. Zyklus 7. bis 9. Klasse) und damit auch die Verbindlichkeit von Lernzielen, die Ende eines Schuljahres erreicht werden sollen. Auch das unnötige Vermanschen von Fächern verstärkt die Un­übersichtlichkeit: Statt von Naturkunde, Geschichte, Geografie wird neu vom Unterrichtsblock «Natur, Mensch, Gesellschaft» gesprochen. Als ehemaliger Primar- und Gymnasiallehrer habe ich stellvertretend versucht, die «Kompetenzen» im Bereich Schweizer Geschichte zu finden. Ein schier aussichtsloses Experiment. Statt wenige (die wichtigsten!) Lernziele pro Fach und Klasse zu formulieren, wird ein unstrukturiertes Gemenge von Kompetenzen verbreitet.

Umso wichtiger scheint den involvierten Bildungstheoretikern, ihre Vorstellungen von Unterricht durchzusetzen. Damit mischt sich der LP 21 in die didaktische Hoheit .....

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Akademisches Monstrum

 

Österreichische Medienberichte zum neuen Lehrplan:

Die Presse - noch nichts gefunden

Krone - noch nichts gefunden

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